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Valie Export: Die Linzer Pionierin des feministischen Aktionismus

Valie Export, geboren am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner, zählt zu den bedeutendsten österreichischen Künstlerinnen und ist Pionierin des feministischen Aktionismus, der Performance-, Medien- und Filmkunst. Ihre Schlüsselwerke Tapp- und Tastkino (1968) und Aktionshose Genitalpanik (1969) schrieben Kunstgeschichte. Seit 2017 besteht in Linz das VALIE EXPORT CENTER als international ausgerichtetes Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst.

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Valie Export: Die Linzer Pionierin des feministischen Aktionismus

Valie Export: Die radikalste Linzer Künstlerin

Wir haben die Künstlerin Valie Export zusammengestellt - eine der international bedeutendsten österreichischen Kunst-Persönlichkeiten und die prominenteste gebürtige Linzerin in der Welt der zeitgenössischen Kunst. Geboren am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner, ist Valie Export eine Pionierin des feministischen Aktionismus, der Performance-, Medien- und Filmkunst. Ihre Werke „Tapp- und Tastkino" (1968) und „Aktionshose: Genitalpanik" (1969) haben internationale Kunstgeschichte geschrieben und sind bis heute Referenzpunkte der feministischen Kunsttheorie. Seit 2017 existiert in Linz das VALIE EXPORT CENTER als Forschungszentrum für ihr Werk. Du kennst eine Valie-Export-Geschichte, die hier fehlt? Schreib an redaktion@linzjournal.at.

Die Linzer Jahre und der Künstlername 1967

Waltraud Lehner wurde am 17. Mai 1940 in Linz geboren. Über ihre frühen Linzer Jahre und Familien-Hintergründe spricht sie selbst wenig - sie verbrachte Kindheit und Schulzeit in der oberösterreichischen Landeshauptstadt, ging dann nach Wien zur Textilschule Spengergasse und studierte danach an der Höheren Bundeslehranstalt für Textilindustrie. 1967 erfand sie ihren Künstlernamen VALIE EXPORT - ausschließlich in Großbuchstaben geschrieben, inspiriert von der österreichischen Zigarettenmarke „Smart Export". Der Name fungiert als Logo, Marke und Konzept - „EXPORT" steht für das Nach-außen-Tragen eigener Gedanken und Körper-Konzepte. Mit der Namensgebung wollte sie ein Gegengewicht zu traditionellen weiblichen Künstler-Identitäten schaffen. Bis heute pocht sie auf die Großbuchstaben-Schreibweise bei Publikationen und Ausstellungs-Katalogen.

Tapp- und Tastkino 1968: Das Schlüsselwerk

Das „Tapp- und Tastkino" ist das bekannteste Werk Valie Exports und eine der einflussreichsten feministischen Aktionen der Kunstgeschichte. Die Performance wurde von 1968 bis 1971 in zehn europäischen Städten aufgeführt (Wien, München, Berlin, u.a.), realisiert in Kooperation mit dem Künstler Peter Weibel. Das Konzept:

  • Valie Export stand öffentlich auf der Straße mit einer Box vor dem Oberkörper, die ihre Brüste verdeckte und ein „Kino" darstellte.
  • Passanten konnten durch zwei Vorhänge an der Vorderseite die nackten Brüste für 12 Sekunden berühren - dabei Augenkontakt mit der Künstlerin.
  • Peter Weibel agierte als „Schausteller" und rief Passanten auf, das „erste echte Frauenkino" zu besuchen.

Die Performance stellte den klassischen männlichen Blick des Kinos auf den Kopf: statt passiver Betrachtung der Frau auf der Leinwand wurde der Mann zum aktiven Handelnden - während die Frau (die Künstlerin) subjekthaft und selbstbestimmt in der Situation agierte. Kunsthistorisch gilt „Tapp- und Tastkino" als der erste Schritt der Frau vom Objekt zum Subjekt in der Aktionskunst. Die Performance ist heute in Museen weltweit als historisches Foto- und Film-Dokument präsent.

Aktionshose: Genitalpanik 1969

Ein Jahr später, am 22. April 1969, führte Valie Export ihre zweite Schlüsselarbeit im Augusta Lichtspiele in München auf - einem unabhängigen Kino, das experimentelle Filme zeigte. Valie Export trat vor dem Publikum auf mit einer „Aktionshose" - einer Mustang-Jeans, bei der der Schritt herausgeschnitten war - und lief durch die Zuschauerreihen, wobei ihr entblößter Unterleib auf Augenhöhe der sitzenden Zuschauer:innen war. Die Frage: Wie reagiert das Publikum, das „gewohnt" ist, weibliche Nacktheit auf der Leinwand konsumieren? Das zugehörige Kult-Plakat zeigt die Künstlerin mit Maschinenpistole und der herausgeschnittenen Jeans, provokant in die Kamera blickend. Das Bild wurde zur Ikone der feministischen Kunst der 1970er-Jahre und wird bis heute in Feminismus-Ausstellungen und Kunstgeschichte-Lehrbüchern abgedruckt. Die Aktion markiert den Moment, an dem weibliche Sexualität als revolutionärer Akt interpretiert wurde - nicht als passives Objekt, sondern als aktive, bedrohliche, selbstbestimmte Kraft.

Medien- und Filmkunst: Weitere Werke

Valie Exports Werk reicht weit über die beiden frühen Schlüsselwerke hinaus. Ihre wichtigsten Schaffensperioden:

  • 1960er-1970er: Aktionskunst, Performance, Body Art. Werke wie „Aus der Mappe der Hundigkeit" (1968, Valie Export führt Peter Weibel wie einen Hund an der Leine durch Wien), Touchcinema-Varianten, Straßenperformances.
  • 1970er-1980er: Experimentalfilm. „Invisible Adversaries" (1977) - erste abendfüllende Spielfilm-Produktion. „Menschenfrauen" (1980). „Die Praxis der Liebe" (1984).
  • 1980er-1990er: Medienkunst-Installationen, Video-Arbeiten, Fotoserie „Körperkonfigurationen" (Foto-Serie, in der sie ihren eigenen Körper architektonisch in städtische Räume einfügt).
  • 2000er-2020er: Retrospektiven, Museumsausstellungen, archivarisches Werk. Zahlreiche internationale Gastprofessuren, Auszeichnungen, Ehrungen.

Ihre Arbeiten sind in den wichtigsten Museen der Welt vertreten - Museum of Modern Art (MoMA) New York, Centre Pompidou Paris, Tate Modern London, Museum Moderner Kunst Wien, Lentos Kunstmuseum Linz. Mehr zum Lentos im Ars-Electronica-Artikel und im Nordico-Artikel.

Auszeichnungen und Ehrungen

Valie Export hat im Laufe ihrer Karriere zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten:

  • Österreichischer Staatspreis für Kunst
  • Großes Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
  • Oskar-Kokoschka-Preis
  • Roswitha-Haftmann-Preis (hochdotierter Schweizer Kunstpreis, 2009)
  • Max-Beckmann-Preis 2022 der Stadt Frankfurt am Main - einer der wichtigsten deutschen Kunstpreise
  • Zahlreiche Ehrendoktorwürden an internationalen Kunstuniversitäten

In Linz ist sie durch das VALIE EXPORT CENTER und die Kunstuniversität Linz (wo sie zeitweise gelehrt hat) institutionell verankert.

VALIE EXPORT CENTER Linz: Seit 2017 eröffnet

2015 beschlossen das Land Oberösterreich, die Stadt Linz und das Lentos Kunstmuseum die Gründung eines eigenen Forschungszentrums für das Werk Valie Exports. Das VALIE EXPORT CENTER LINZ wurde 2017 eröffnet und beherbergt:

  • Den künstlerischen Vorlass der Künstlerin - Fotos, Videos, Skizzen, Schriften, Performance-Dokumente
  • Umfangreiche Forschungs- und Archivbestände zur Medien- und Performancekunst des 20. und 21. Jahrhunderts
  • Wechselausstellungen zu Valie Export und verwandten Kunst-Strömungen
  • Symposien und Publikationen zur feministischen Kunst und Aktionskunst

Das Center ist am Standort Reindlstraße 16-18 in Linz-Urfahr untergebracht (ehemalige Kunstuniversitäts-Räumlichkeiten) und arbeitet eng mit Lentos, Kunstuniversität Linz und internationalen Partnerinstitutionen zusammen. Website: valieexportcenter.at. Für Kunst-Interessierte in Linz ist das Center eine der wichtigsten Adressen der zeitgenössischen Kunst-Forschung in Österreich.

Was Sie über Valie Export wissen sollten

Besuch des VALIE EXPORT CENTER

Das VALIE EXPORT CENTER ist primär Forschungseinrichtung und Archiv - regulärer Publikumsverkehr wie in einem Museum findet nicht statt. Der Zugang erfolgt über angemeldete Forschungsaufenthalte, Seminarveranstaltungen, öffentliche Vorträge und regelmäßige Wechselausstellungen. Die Ausstellungen sind über die Website und den Lentos-Kalender angekündigt. Für reguläre Valie-Export-Betrachtung ist das Lentos Kunstmuseum die Hauptadresse - dort sind Werke Valie Exports in der Dauerausstellung und in Wechselausstellungen immer wieder präsent. Lentos-Eintritt: Erwachsene 11 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder unter 7 frei (Stand April 2026). Adresse: Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz.

Valie Exports internationale Bedeutung

Valie Export zählt zu den international bekanntesten österreichischen Künstler:innen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - vergleichbar in internationaler Präsenz mit Hermann Nitsch, Franz West oder Maria Lassnig. Ihre Werke werden in weltweiten Retrospektiven gezeigt, zuletzt in Berlin (C/O Berlin, 2024), New York, Paris und internationalen Biennalen. Im Feminismus-Kunstdiskurs steht sie auf einer Stufe mit Carolee Schneemann, Yoko Ono, Marina Abramović - als eine der Pionierinnen der feministischen Aktionskunst der späten 1960er-Jahre. Für Linz ist sie eine der wichtigsten kulturellen Referenz-Persönlichkeiten - der UNESCO-City-of-Media-Arts-Titel wäre ohne ihre Arbeit und Biografie schwer vorstellbar.

Valie Export in Linzer Kultur-Kontext

In Linz steht Valie Export in einer Reihe bedeutender gebürtiger oder langjährig ansässiger Persönlichkeiten:

  • Anton Bruckner - Dom-Organist 1856-1868, mehr im Bruckner-Artikel
  • Adalbert Stifter - Landesschulrat 1850-1868, mehr im Stifter-Artikel
  • Johannes Kepler - Mathematicus 1612-1626, mehr im Kepler-Artikel
  • Hubert von Goisern - Alpine-Rock-Musiker mit OÖ-Verbindung, mehr im Goisern-Artikel
  • Valie Export - die einzige international weltbekannte Linzer Künstlerin im Performance-Kunst-Bereich

Die Linzer Kultur-Szene ist stolz auf Valie Export als ihre globale kulturelle Botschafterin - mit einer Kunst, die radikal, intellektuell anspruchsvoll und international referenziert ist. Mehr Linzer Künstler:innen im Linz-Künstler-Artikel.

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