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Jüdisches Linz: Geschichte, Synagoge und Gemeinde heute

Jüdische Geschichte in Linz reicht bis ins Hochmittelalter zurück, erste Erwähnungen um 905. Im 19. Jahrhundert entstand die Kultusgemeinde Linz-Urfahr (1870), die Synagoge in der Bethlehemstraße wurde 1877 eingeweiht, im Novemberpogrom 1938 zerstört. Nach 1945 wiedererrichtete Kultusgemeinde (6. Januar 1946), neue Synagoge 1968 am ursprünglichen Standort. Heute aktive Gemeinde mit rund 70-80 Mitgliedern.

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Jüdisches Linz: Geschichte, Synagoge und Gemeinde heute

Jüdisches Linz: Eine jahrhundertealte Geschichte

Wir haben die jüdische Geschichte in Linz zusammengestellt - eine über 1.100-jährige Geschichte mit Blütezeiten, schweren Brüchen und einer bescheidenen Nachkriegs-Renaissance. Erste urkundliche Erwähnungen jüdischer Präsenz im oberösterreichischen Raum stammen aus dem Jahr 905, im 13. Jahrhundert existierte bereits ein jüdisches Viertel in der Linzer Altstadt. Nach der Vertreibung 1420 verschwand die jüdische Gemeinde bis ins späte 19. Jahrhundert praktisch aus Linz. 1870 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Linz-Urfahr gegründet, 1877 die Synagoge in der Bethlehemstraße eingeweiht. Die Zerstörung im Novemberpogrom 1938 und der Holocaust beendeten die zweite Linzer jüdische Geschichte faktisch - die kleine Nachkriegs-Kultusgemeinde wurde am 6. Januar 1946 wiedererrichtet. Heute existiert wieder eine kleine, aktive jüdische Gemeinde in Linz. Du kennst eine Geschichte zum jüdischen Linz, die hier fehlt? Schreib an redaktion@linzjournal.at.

Mittelalter: Jüdisches Viertel und Vertreibung 1420

Die ersten jüdischen Einwohner:innen Oberösterreichs werden um das Jahr 905 in Handelsdokumenten erwähnt. Bereits im 13. Jahrhundert existierte in der Linzer Altstadt ein jüdisches Viertel - nicht als Ghetto abgegrenzt, aber als Siedlungskonzentration jüdischer Kaufleute, Geldverleiher und Handwerker. Ein bedeutendes Kapitel war das Wirken des jüdischen Gelehrten Jakob ben Jechiel Loans um 1429, der als Leibarzt Kaiser Friedrichs III. diente (mehr zu Friedrich III. im Kaiser-Friedrich-III.-Artikel). Loans führte den christlichen Humanisten Johannes Reuchlin in die hebräische Sprache und die Kabbala ein - ein geistesgeschichtlich bedeutsamer Austausch der frühen Neuzeit. Die mittelalterliche Linzer Judengemeinde endete 1420/21 im Zuge der Wiener Gesera - einer österreichweiten Vertreibungs- und Verfolgungswelle unter Herzog Albrecht V., mit Beschuldigungen der Hostienschändung und blutigen Pogromen. In Linz und Oberösterreich erlosch die jüdische Gemeinde für rund 400 Jahre.

Neuanfang im 19. Jahrhundert: Kultusgemeinde 1870

Nach der Josephinischen Toleranzgesetzgebung im späten 18. Jahrhundert und insbesondere nach der Verleihung des Niederlassungsrechts für Juden im Jahr 1849 in den habsburgischen Ländern siedelten sich wieder jüdische Familien in Linz an. Die Gruppe blieb zunächst klein, wuchs aber im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. 1870 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Linz-Urfahr offiziell gegründet - mit zunächst 391 Mitgliedern. Der Name „Linz-Urfahr" spiegelt wider, dass die Gemeinde die beiden damals noch getrennten Gemeinden Linz und Urfahr umfasste (Urfahr wurde erst 1919 eingemeindet, mehr im Urfahr-Artikel).

Die Synagoge in der Bethlehemstraße: Einweihung 1877

Am 20. April 1877 wurde die Synagoge in der Bethlehemstraße eingeweiht - ein klassizistisches Gebäude, das sich repräsentativ in die Umgebung einfügte. Der Architekt war Ignaz Sowinski, die Finanzierung erfolgte durch Spenden der Gemeindemitglieder und der Stadt Linz. Die Synagoge umfasste:

  • Hauptgebetsraum mit Männer-Empore unten und Frauen-Empore oben
  • Toraschrein (Aron ha-Kodesch) mit handgeschriebenen Torarollen
  • Gemeinde- und Schul-Räume für den religiösen Unterricht
  • Wohnräume für den Rabbiner

Die Synagoge war das religiöse und kulturelle Zentrum der Linzer jüdischen Gemeinde - mit Gottesdiensten, Hochzeiten, Bar-Mizwa-Feiern, Gedenkveranstaltungen, Tora-Lesungen. In den Jahrzehnten bis 1938 wurden hier Generationen Linzer Juden religiös sozialisiert.

1920er und 1930er: Höhepunkt und schleichende Ausgrenzung

1923 lebten rund 1.320 Juden in Oberösterreich (1,5% der Bevölkerung), die meisten in Linz. Die Gemeinde war in Wirtschaft, Kultur, Medizin, Recht und akademischem Leben integriert - mit zahlreichen jüdischen Geschäftsleuten, Ärzt:innen, Anwält:innen und Wissenschaftler:innen. Die 1920er- und frühen 1930er-Jahre waren geprägt von wachsendem Antisemitismus in Österreich, der sich parallel zum Aufstieg der NSDAP verstärkte. Mit dem „Anschluss" Österreichs am 12. März 1938 begann die systematische Entrechtung, Enteignung und Verfolgung. Zum Zeitpunkt des Anschlusses lebten rund 600 Juden in Linz (bei einer Gesamtbevölkerung von 80.000). Im März 1938 hatte die Kultusgemeinde Linz noch 671 Mitglieder.

Novemberpogrom 1938: Zerstörung der Synagoge

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 - der sogenannten „Reichskristallnacht" oder Novemberpogrom - wurde die Linzer Synagoge in der Bethlehemstraße in Brand gesetzt und vollständig zerstört. Parallel erfolgten Massenverhaftungen:

  • Alle jüdischen Männer in Linz wurden polizeilich festgenommen
  • 30 bis 40 Gewalttäter (SS, SA, Parteifunktionäre plus Helfer) drangen in jüdische Wohnungen, Häuser und Geschäfte ein
  • Einrichtungen wurden zerstört, Wohnungen geplündert, viele jüdische Geschäfte demoliert

In den Monaten danach folgten Zwangsarisierungen von Eigentum, „Judenvermögensabgabe", Emigrationsversuche derer, die flüchten konnten, und Deportationen der Zurückgebliebenen. Von den Linzer Juden, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurde ein Großteil in NS-Konzentrationslager deportiert und ermordet. Rund 300 Juden aus Linz und Oberösterreich fielen dem Holocaust zum Opfer. Mehr zum Linzer Umgang mit der NS-Zeit im Zweiter-Weltkrieg-Artikel.

Wiederaufbau ab 1946: Die zweite Gemeinde

Nach Kriegsende kehrten einzelne überlebende Juden nach Linz zurück - allerdings in kleiner Zahl. Am 6. Januar 1946 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Linz offiziell wiedererrichtet - mit zunächst knapp 70 Mitgliedern. Die Gemeinde umfasste Rückkehrer:innen aus der Emigration, NS-Überlebende und einige displaced persons (Juden aus Osteuropa, die in Linz und den umliegenden Flüchtlingslagern hängen geblieben waren). 1968 wurde eine neue Synagoge am ursprünglichen Standort in der Bethlehemstraße 26 eingeweiht - kein exakter Nachbau des Vorgängers, sondern ein moderner Bau der Nachkriegsarchitektur. Das Gebäude dient bis heute als Gemeindezentrum mit Gottesdiensträumen, Gemeindehaus und Verwaltung.

Die Israelitische Kultusgemeinde Linz heute

Stand April 2026 zählt die Israelitische Kultusgemeinde Linz (IKG Linz) rund 70-80 Mitglieder. Die Gemeinde ist damit klein, aber aktiv:

  • Regelmäßige Gottesdienste zu Festtagen (Rosch ha-Schana, Jom Kippur, Pessach, Chanukka etc.)
  • Kontakte zu Wien, Salzburg und internationalen jüdischen Gemeinden
  • Dialog mit christlichen Gemeinden und den Linzer Kirchen (Diözese Linz, Evangelische Kirche)
  • Erinnerungsarbeit zu den Novemberpogrom-Jahrestagen (jährliche Gedenkveranstaltungen)
  • Öffnung für Linzer Bevölkerung bei Tag der offenen Tür und bei kulturellen Veranstaltungen

Die Mitgliederzahl liegt weit unter den Vorkriegs-Werten - das zeigt, dass der Holocaust die Linzer jüdische Community praktisch ausgelöscht hat. Die heutige Gemeinde ist primär aus Rückkehrer-Familien und Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion zusammengesetzt. Mehr auf ikg-linz.at.

Was Sie über das jüdische Linz wissen sollten

Orte des Gedenkens in Linz

Linz hat an mehreren Orten Gedenkorte für die jüdische Geschichte und die NS-Opfer:

  • Synagoge in der Bethlehemstraße 26 - das aktive Gemeindezentrum mit Gedenktafel zur zerstörten Vorgängersynagoge
  • Jüdischer Friedhof Linz in der Wiener Straße - mit Gräbern aus dem 19. und 20. Jahrhundert, Erinnerungsort für die mörderisch verfolgten Gemeindemitglieder
  • Gedenkstein am ehemaligen Synagogen-Standort
  • Stolpersteine in verschiedenen Linzer Straßen - kleine Messingsteine vor den Wohnhäusern deportierter und ermordeter Linzer Juden
  • Virtuelle Rekonstruktion der alten Synagoge im Ars Electronica Center - eine digitale 3D-Rekonstruktion der 1938 zerstörten Synagoge, die Besucher:innen den verlorenen Bau virtuell erleben lässt. Mehr im Ars-Electronica-Artikel.
  • KZ-Gedenkstätte Mauthausen (etwa 25 km östlich von Linz) - mit dem Hauptlager-Areal, dem dokumentarischen Museum und zahlreichen Linzer Bezügen

Die Linzer Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit und zum Holocaust hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich vertieft - mit wissenschaftlicher Aufarbeitung, Gedenkveranstaltungen und bildungspolitischen Initiativen.

Besuch der Synagoge: Möglichkeiten und Regeln

Die Synagoge in der Bethlehemstraße 26 ist kein öffentliches Museum, sondern aktives Gemeindezentrum. Besuche sind nach Voranmeldung möglich, insbesondere für:

  • Schulklassen und Bildungsgruppen mit pädagogischer Begleitung
  • Interessierte Einzelpersonen zu öffentlichen Führungen
  • Besuche bei Tag der offenen Tür (typischerweise im Herbst)
  • Gedenkveranstaltungen am 9. November zum Novemberpogrom-Jahrestag

Bei Besuchen gelten Verhaltens- und Kleidungs-Konventionen: Kopfbedeckung für Männer (Kippot werden bereitgestellt), angemessene Kleidung, Respekt vor religiösen Symbolen und Handlungen. Fotografieren ist in der Regel nicht gestattet, bei Gedenkveranstaltungen nur mit Erlaubnis. Kontakt und Anmeldung über ikg-linz.at.

Das jüdische Erbe in der Linzer Stadtkultur

Die jüdische Geschichte ist in das kulturelle Selbstverständnis der Stadt Linz eingebettet:

  • Stadtgeschichte-Publikationen der Stadt Linz dokumentieren die jüdische Geschichte umfassend (stadtgeschichte.linz.at)
  • Erinnerungsprojekte an den Schulen mit regelmäßigen Projekten zur NS-Zeit und zum jüdischen Leben
  • Nordico Stadtmuseum behandelt jüdische Linzer Geschichte in Wechselausstellungen - mehr im Nordico-Artikel
  • Linzer Straßennamen erinnern an jüdische Persönlichkeiten, zum Beispiel der Simon-Wiesenthal-Platz am Nordico-Eingang
  • Universitäre Forschung an der JKU und Kunstuniversität zu Aspekten jüdischer Geschichte und Kultur

Für Linz-Besucher:innen mit Interesse an der jüdischen Geschichte bietet die Stadt mehrere Anlaufstellen - von der aktiven IKG über Gedenkorte bis zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Die Bedeutung der Erinnerung ist in der Linzer Kultur verankert, auch wenn die sichtbare jüdische Präsenz nach dem Holocaust klein bleibt.

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