LINZ JOURNAL

Lentos Kunstmuseum: Der Glasriegel an der Donau

130 Meter Beton und Glas am Donauufer, dahinter rund 3.600 Gemälde und Skulpturen, 16.000 Grafiken und seit 2024 die Sammlung Hauser. 2026 wurde die Dauerpräsentation komplett neu aufgestellt.

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Lentos Kunstmuseum: Der Glasriegel an der Donau

130 Meter Glas am Donauufer

Das Lentos steht dort, wo Linz am wenigsten Platz für ein Museum hatte: auf dem schmalen Streifen zwischen Donau und Ernst-Koref-Promenade, am Westende des Donauparks zwischen Nibelungenbrücke und Brucknerhaus. Die Schweizer Architekten Weber & Hofer aus Zürich lösten das mit einem 130 Meter langen Betonkörper, der einen stützenfreien Freiraum von 60 Metern Länge überspannt - die sogenannte Skulpturenhalle, durch die man vom Park zum Wasser hindurchgeht, ohne das Museum zu betreten. Der Entwurf setzte sich 1998 in einem europaweiten Wettbewerb gegen 218 Konkurrenten durch. Die Skulpturenhalle ist wie die Ausnehmung im Erdgeschoß - das sogenannte Donaufenster - mit reflektierenden Glasplatten verkleidet; der Bau spiegelt an diesen Stellen also den Fluss, statt ihn zu verstellen.

Um den Betonkern legt sich eine Haut aus geätztem Glas. Tagsüber wirkt sie matt und fast farblos, nach Einbruch der Dunkelheit wird sie von innen beleuchtet und wechselt die Farbe - meist Blau, Rot oder Violett. Diese Nachtansicht ist eines der wenigen Linzer Motive, das nicht historisch ist und trotzdem auf jeder zweiten Stadtaufnahme vorkommt. Eröffnet wurde das Haus am 18. Mai 2003, sechs Jahre vor dem Kulturhauptstadtjahr, dessen Programm es später mittragen sollte - mehr dazu im Rückblick auf Linz 2009.

Der Name kommt aus dem Keltischen: Lentos bedeutet so viel wie „an der Flusskrümmung gelegen", daraus wurde das römische Lentia und schließlich Linz. Das Museum hat sich also nach dem ältesten bekannten Namen der Stadt benannt und stellt sich damit an genau die Flussbiegung, die ihn erklärt.

Von der Neuen Galerie im Einkaufszentrum

Die Vorgeschichte ist weniger elegant als der Bau. Die Sammlung geht auf die Neue Galerie der Stadt Linz zurück, die 1946 als Leihmuseum gegründet wurde - ohne eigenen Bestand, ohne eigenes Haus. 1953 kaufte die Stadt die Sammlung des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt an, 76 Gemälde und 33 Grafiken - der Grundstock, auf dem das heutige Museum steht. Ab 1979 war die Neue Galerie im obersten Geschoß des Wohn- und Geschäftszentrums Lentia 2000 in Urfahr untergebracht, in Räumen, die für Kunst weder klimatisch noch räumlich geeignet waren. Der Neubau 2003 beendete einen Zustand, der ein Vierteljahrhundert gedauert hatte.

Seit 2017 leitet Hemma Schmutz das Museum. Unter ihrer Direktion kamen mehrere Archive und Konvolute dazu: 2015 das Archiv von VALIE EXPORT, 2020 das Zamp-Kelp-Archiv mit Arbeiten der Gruppe Haus-Rucker-Co, und 2024 die Sammlung Erwin Hauser als Dauerleihgabe - rund 3.000 Werke österreichischer Kunst ab 1850, der größte Zuwachs in der Geschichte des Hauses.

Der Ankauf von 1953 und die Provenienzforschung

Der Ankauf bei Wolfgang Gurlitt ist der Grund, warum das Lentos überhaupt eine bedeutende Sammlung der klassischen Moderne besitzt - und zugleich die schwierigste Passage seiner Geschichte. Mitte der 1950er-Jahre erwarb die Stadt Linz aus Gurlitts Beständen Werke von Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Ein Teil dieser Werke hat eine ungeklärte Herkunft.

Das Haus geht damit offen um. 2007 wurde im Auftrag von Bürgermeister und Magistratsdirektion eine eigene Arbeitsgruppe für Provenienzforschung eingerichtet; die Provenienzforscherin Dr. Vanessa-Maria Voigt wurde beigezogen, um die Ankäufe der Stadt aus der Sammlung Gurlitt systematisch aufzuarbeiten. Bisher hat das Lentos 13 Restitutionen durchgeführt und alle öffentlich gemacht; ein Gemälde wurde nach der Rückgabe wieder angekauft. Die erste Restitution betraf 1999 das Bild „Die Näherin" (1883) von Lesser Ury, das an die Erben von Dr. Fritz Loewenthal ging.

Für Besucherinnen und Besucher ist das mehr als eine Fußnote: Die Neuaufstellung von 2026 macht die Sammlungsgeschichte ausdrücklich zum Thema - es geht also nicht nur darum, welche Bilder hängen, sondern auch darum, wie sie nach Linz gekommen sind.

Was in der Sammlung steckt

Der Gesamtbestand umfasst nach Angaben der Stadt rund 3.600 Gemälde und Skulpturen, etwa 16.000 Grafiken und rund 1.800 Beispiele künstlerischer Fotografie. Der Schwerpunkt liegt auf österreichischer Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, ergänzt um internationale Positionen der klassischen Moderne. Zu den bekanntesten Einzelwerken zählt Gustav Klimts „Frauenkopf"; Arbeiten von Egon Schiele und Oskar Kokoschka markieren in der Hängung den Schritt in Moderne und Expressionismus.

Gezeigt werden kann davon immer nur ein Bruchteil. Bei einer Gesamtnutzfläche von 8.000 Quadratmetern beträgt die reine Ausstellungsfläche 2.500 Quadratmeter, darunter der größte Museumssaal Österreichs; der weitaus größere Teil des Hauses entfällt also auf Depot, Werkstätten und Verwaltung. Grafik und Medienkunst haben eigene Bereiche im Untergeschoß. Wer die Sammlung in ihrer Breite sehen will, muss also wiederkommen - was der Grund ist, warum das Haus seine Dauerpräsentation regelmäßig umbaut, statt sie stehen zu lassen.

Die Neuaufstellung 2026

Im Frühjahr 2026 wurde die Dauerpräsentation komplett neu konzipiert. Auf rund 1.400 Quadratmetern hängen jetzt 232 Werke von 178 Künstlerinnen und Künstlern, chronologisch geordnet vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Laut Medienservice der Stadt Linz stammt rund ein Viertel der ausgestellten Arbeiten aus der Hauser-Dauerleihgabe von 2024 - die Übernahme hat die Präsentation also nicht ergänzt, sondern verändert.

Zwei Zahlen sind für ein Haus dieser Größe bemerkenswert: Etwa 30 Prozent der vertretenen Künstlerinnen und Künstler sind Frauen, und knapp 30 Prozent sind internationale Positionen. Die Neuaufstellung wurde am 8. März 2026 mit einem Open House eröffnet und wird 2026 schrittweise weitergeführt; ein Teil der Arbeit gilt der eigenen Sammlungsgeschichte, also der Frage, wie die Bestände nach Linz gekommen sind. Vorgestellt wurde sie von Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer und Direktorin Hemma Schmutz.

Neben der Dauerpräsentation laufen Wechselausstellungen, dazu ein Vermittlungsprogramm mit Führungen, Art Talks und offenen Ateliers. Das Lentos Café-Bar-Restaurant im Haus hat seit 4. Februar 2026 mit Felix Wiesinger einen neuen Betreiber; erreichbar ist es unter +43 732 784242. Seine Terrasse ist einer der wenigen Gastroplätze in Linz direkt am Wasser, mit Blick über die Donau bis zum Pöstlingberg. Vom großzügigen Foyer mit dem Museumsshop führt der Weg ins Obergeschoß zu den Ausstellungsräumen.

Zur Einordnung der Größenverhältnisse: 2024 zählte das Lentos rund 60.000 Besucherinnen und Besucher. Das ist für ein Haus dieser architektonischen Prominenz eine überschaubare Zahl - und der Grund, warum ein Besuch unter der Woche meist ohne Gedränge abläuft.

Das Programm 2026

Neben der Dauerpräsentation im Hauptgeschoß bespielt das Haus das Untergeschoß mit Wechselausstellungen - drei sind es 2026. Eröffnet wurde im Februar mit „The World Without Us", einer Ausstellung, die durchspielt, wie sich die Verhältnisse verschieben, wenn der Mensch nicht mehr als zentrales Maß gedacht wird. Ein zweiter Schwerpunkt des Jahres liegt auf der Malerei - als historische Grundlage und als gegenwärtige Praxis zugleich.

Das Jahresprogramm stellt das Lentos gemeinsam mit dem Nordico Stadtmuseum vor; beide Häuser gehören zur selben städtischen Museumsverwaltung und stimmen ihre Programme aufeinander ab. Das Nordico hat dabei zuletzt für Aufsehen gesorgt: Es erhielt 2025 den Österreichischen Museumspreis, dotiert mit 20.000 Euro, für seine Arbeit als gesellschaftspolitisch relevanter Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart der Stadt. Das Preisgeld fließt in den Ausbau des Kunstvermittlungsprogramms, insbesondere für Schulen. Für Kinder gibt es ein eigenes Vermittlungsformat, das die Ausstellungen spielerisch erschließt - anmelden lohnt sich, weil die Termine begrenzt sind. Die Details zum laufenden Jahr stehen im Pressekit des Museums.

Wie das Haus mit der eigenen Sammlung umgeht, lässt sich auch von außen nachlesen: Unter dem Titel „Blickpunkt SAMMLUNG" hat die Kunstuniversität Linz gemeinsam mit dem Lentos ein Studierendenprojekt durchgeführt, in dem Studierende hinter die Kulissen des Museums geschaut und aus den Beständen eigene kuratorische Konzepte entwickelt haben. Brigitte Reutner-Doneus, Leiterin der Grafik- und Fotosammlung, gab dabei Einblick in die tägliche Arbeit einer Sammlungskuratorin. Die Ergebnisse samt Interviews stehen auf einem eigenen Projektblog - für alle interessant, die wissen wollen, wie ein Museum entscheidet, was gezeigt wird und was im Depot bleibt.

Buchbar sind außerdem die Räume selbst: Das Haus vermietet für Tagungen, Vorträge, Seminare und Abendveranstaltungen - die laufende Ausstellung wird dabei oft als Auftakt oder Abschluss in das Programm eingebunden.

Öffnungszeiten, Preise, Anreise

Das Lentos liegt an der Ernst-Koref-Promenade 1, 4020 Linz. Geöffnet ist laut lentos.at:

  • Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
  • Donnerstag: 10 bis 20 Uhr
  • Montag: geschlossen

Der Eintritt kostet für Erwachsene 12,00 Euro, ermäßigte Karten liegen je nach Kategorie zwischen 6,00 und 11,00 Euro - ermäßigt sind unter anderem Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrlinge, Zivil- und Präsenzdiener, Seniorinnen und Senioren, Gruppen ab acht Personen sowie Klimaticket-Besitzer. Kinder bis sieben Jahre zahlen nichts, Schulklassen im Klassenverband ebenfalls nicht (Stand August 2026).

Mit den Öffis kommen Sie am einfachsten mit den Straßenbahnlinien 1, 2 und 3 bis Hauptplatz, von dort sind es zwei bis drei Gehminuten über die Promenade. Alternativ hält die Buslinie 26 beim Brucknerhaus, rund fünf Minuten entfernt. Wer mit dem Auto kommt, sollte die Parkmöglichkeiten in der Innenstadt vorher klären - der Uferstreifen selbst hat keine eigenen Besucherparkplätze, mehr dazu im Park-Guide.

Wie viel Zeit Sie brauchen

Für die Neuaufstellung allein reichen 60 bis 90 Minuten, wenn Sie zügig gehen. Kommt eine Wechselausstellung dazu, sind zwei Stunden realistisch. Der Donnerstagabend mit verlängerter Öffnungszeit ist der ruhigste Zeitpunkt der Woche - und der einzige, an dem sich die beleuchtete Glasfassade im Winter noch während des Museumsbesuchs ansehen lässt.

Sinnvoll kombinieren lässt sich der Besuch mit dem Nordico Stadtmuseum, das zur selben Museumsverwaltung gehört und zehn Gehminuten entfernt liegt, oder mit einem Gang über die Donaulände Richtung Ars Electronica Center am anderen Ufer. Wer die kleineren Häuser sucht, findet sie im Galerien-Überblick.

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