LINZ JOURNAL

Die Tabakfabrik Linz

1929 bis 1935 baute Peter Behrens hier den ersten großen Stahlskelettbau Österreichs, 2009 lief die letzte Zigarette vom Band. Was aus dem denkmalgeschützten Areal geworden ist, wie Sie hineinkommen und was der 109-Meter-Turm nebenan damit zu tun hat.

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Die Tabakfabrik Linz

350 Jahre Produktion an einer Adresse

Auf dem Gelände östlich der Linzer Innenstadt wird seit rund 350 Jahren produziert. Zuerst stand hier eine Textilmanufaktur, ab 1850 wurde Tabak verarbeitet. Diese Kontinuität endete Ende September 2009: Die letzten Zigaretten liefen vom Band, der Eigentümer Japan Tobacco International schloss den Standort.

Noch im selben Jahr kaufte die Stadt Linz das Areal - 38.148 Quadratmeter Grundfläche samt Gebäudebestand und dem Stadion Donaupark - um 17 Millionen Euro. Das war eine ungewöhnliche Entscheidung: Eine Stadt übernimmt eine stillgelegte Fabrik, ohne zu wissen, was hineinkommt. Was daraus wurde, ist heute das größte Stadtentwicklungsprojekt von Linz.

Behrens und Popp: der erste große Stahlskelettbau Österreichs

Der Bau, um den es geht, entstand zwischen 1929 und 1935 nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp - mitten in der Weltwirtschaftskrise, bei laufender Produktion. Behrens war zu diesem Zeitpunkt längst eine Größe: Mitbegründer des Deutschen Werkbunds 1907, Gestalter für die AEG in Berlin, einer der Wegbereiter des modernen Industriebaus.

Die Tabakfabrik gilt als erster großformatiger Stahlskelettbau Österreichs im Stil der Neuen Sachlichkeit - nicht Bauhaus, wie oft geschrieben wird, sondern jene nüchterne Richtung, die Funktion über Dekor stellt. Das Stahlskelett hatte einen sehr praktischen Grund: Es ermöglichte stützenarme Hallen und durchlaufende Fensterbänder, die Tageslicht bis tief in die Arbeitsräume brachten. Tabakverarbeitung verlangte außerdem eine konstante Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Gelöst wurde das über die Konstruktion selbst, mit gut isolierendem Kiesbeton bei den Mittelständern und Zellenbeton außen.

Behrens verstand das Werk als Gesamtkunstwerk. Entworfen wurden nicht nur die Baukörper, sondern auch Typografie, Fliesen, Möbel, Türgriffe und Geländer. Daraus stammt das bis heute prägende „Linzer Blau" - ein türkiser Ton, in dem zahlreiche Türen, Geländer und Handläufe aus Tombak gehalten sind. Dazu kommen roter Klinker an den Fassaden und geschliffene Kunststeinstiegen. Das markanteste Element ist Bau 1, das leicht gekrümmte „Bananenbauwerk", heute unter dem Namen CASABLANCA geführt.

Der wirtschaftliche Zweck hinter dem Aufwand war klar benannt: Die Produktion sollte von 1,5 auf 3 Milliarden Zigaretten jährlich verdoppelt werden. Bemerkenswert für die Zeit ist der Anspruch an die Arbeitsbedingungen - helle, großzügige Arbeitsräume, Absauganlagen gegen Staub, durchdachte Belüftung. Details dazu stehen auf der Architekturseite der Tabakfabrik. Die gesamte Anlage steht unter Denkmalschutz.

Die Jahre dazwischen: wie aus Leerstand ein Areal wurde

Nach der Schließung war der Komplex zunächst Spekulationsobjekt. Statt einer schnellen Verwertung entschied sich die Stadt für einen offenen Prozess mit vier Leitlinien - Kreativität, Soziales, Arbeit und Bildung - und holte Chris Müller als künstlerischen Leiter. Von 2013 bis 2023 verantwortete er Entwicklung, Gestaltung und Programm und trieb den Umbau zum Campus für Innovation, Digitalisierung, Bildung und Start-ups voran.

Der Weg dorthin führte über Zwischennutzungen: Das Ars Electronica Festival bespielte die leeren Hallen, dazu kamen Theaterproduktionen und Symposien. Erst dadurch betrat die Öffentlichkeit ein Gebäude, das 80 Jahre lang Werksgelände gewesen war. Als erster Dauermieter zog Ars Electronica Solutions ein - der Beginn der heutigen Ansiedlungsstruktur.

Wie tragfähig das war, zeigt ein Zahlenvergleich: Bei der Schließung im September 2009 arbeiteten hier 284 Menschen. Im Oktober 2017 waren es bereits 717 - in einem Gebäude, das zwischenzeitlich als unverwertbar galt.

Was heute in den Hallen passiert

Aus der Fabrik ist ein Areal für Kreativwirtschaft, digitale Technologien und Start-ups geworden - betrieben von einer eigenen Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft. Die wichtigsten Adressen im Haus:

  • Grand Garage im Smart House, dem früheren Magazin 3: eine große offene Werkstatt, in der aus Ideen Prototypen werden - mit Maschinenpark, Kursen und Mitgliedschaften
  • Strada del Startup: die Achse, an der sich junge Unternehmen ansiedeln
  • factory300 und Haus FALK als weitere Standorte für Werkstätten, Büros und Labors
  • Gastronomie, Bäckerei und Veranstaltungsflächen für Konferenzen, Konzerte und Ausstellungen

Bis Dezember 2027 läuft die Ausstellung „90 Jahre Rauch & Schall", die sich mit der Geschichte des Hauses beschäftigt. Dazu kommen laufend offene Formate wie Maker-Space-Touren und Repair-Cafés, für die keine große Planung nötig ist.

Bemerkenswert ist, wie diese Ausstellung entstanden ist. Zum 90-Jahr-Jubiläum rief die Tabakfabrik Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auf, ihre Erinnerungen an den Betrieb beizusteuern - Anekdoten, Erlebnisse, Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke aus der Zeit vor 2009, eingereicht per Videointerview, handschriftlich oder per E-Mail an zeitzeugen@tfl.linz.at. Anders lässt sich der Arbeitsalltag kaum dokumentieren - in Bauplänen steht nicht, wie es war, hier acht Stunden am Strang zu stehen.

Ein Betrieb, der von Frauen getragen wurde

Die Produktion lag über lange Zeit fest in weiblicher Hand: Um 1900 bestand die Belegschaft zu rund 90 Prozent aus Frauen. Erst der zunehmende Maschineneinsatz verschob das Verhältnis, wobei den Arbeiterinnen überwiegend die schlecht bezahlte Handarbeit blieb.

Für die damalige Zeit war der Betrieb trotzdem ein begehrter Arbeitsplatz, weil er Sozialeinrichtungen bot, die anderswo fehlten: zwei Wochen bezahlter Urlaub zusätzlich zum gesetzlichen Mutterschutz und ab 1917 eine Kinderbetreuung auf dem Werksgelände. Auch die Architektur nahm darauf Rücksicht - Behrens entwarf für die Arbeiterinnen an den Auflockerungstischen eigene Stahlrohrstühle. Wer heute durch die Hallen geht, sollte diesen Maßstab mitdenken: Das Haus wurde nicht nur für Maschinen entworfen, sondern für einige tausend Menschen, die darin acht Stunden am Tag verbrachten.

Quadrill: der 109-Meter-Turm am Rand des Areals

Direkt an die Tabakfabrik schließt das Projekt Quadrill an, das aus dem Fabriksgelände ein ganzes Stadtviertel macht. Der Turm misst 109 Meter und ist damit der höchste Büro- und Hotelturm Österreichs außerhalb Wiens. Fertiggestellt wurde der Komplex Ende 2025, die ersten Mieter, Gastronomieflächen und ein Supermarkt eröffneten Anfang 2026.

Für die Verwaltung von Tabakfabrik und Quadrill-Areal ist seit 2026 die GWG Linz zuständig. Ist alles besiedelt, sollen auf dem Gelände mehr als 3.500 Menschen aus über 40 Nationen arbeiten oder studieren. Diese Zahl erklärt, warum sich die Umgebung binnen weniger Jahre verändert hat: Wo bis 2009 Schichtbetrieb herrschte, gibt es heute Mittagsverkehr, Abendveranstaltungen und Wohnbedarf.

Wie Sie hineinkommen

Ein Teil des Areals ist im Alltag zugänglich - Gastronomie, öffentliche Veranstaltungen und Ausstellungen können Sie ohne Anmeldung besuchen. Wer die Architektur und die Produktionsebenen sehen will, braucht eine Führung. Die Tabakfabrik bietet drei Varianten an:

  • Guided Tour, rund 1,5 Stunden, mit Strada del Startup, Grand Garage und Haus FALK: 150 Euro netto für bis zu zehn Personen, ab zehn Personen 15 Euro netto pro Person
  • Learning Journey ab 1,5 Stunden: Führung plus Workshop oder Vortrag, etwa zu Maker Education, Start-up-Ökosystem oder Uni-Labors, Preis auf Anfrage
  • Deep Dive ab zwei Stunden, mit exklusiven 30-Minuten-Modulen in der Grand Garage oder in der factory300 für je 80 Euro netto

Gruppen bis 30 Personen sind möglich, die Führungen laufen auf Deutsch und Englisch, gebucht wird über ein Formular auf der Website der Tabakfabrik. Zu allen Preisen kommen 20 Prozent Umsatzsteuer. Achtung bei der Stornofrist: Bis 14 Tage vorher werden 50 Prozent verrechnet, danach der volle Betrag.

Anreise und Umgebung

Die Adresse lautet Peter-Behrens-Platz 15, 4020 Linz, östlich der Innenstadt und zu Fuß von der Landstraße aus erreichbar. Mit dem Bus fahren Sie mit der Linie 12 oder 25 bis Parkbad, mit der Linie 26 bis Lüfteneggerstraße oder mit der Linie 27 bis Lederergasse; die Linien 12 und 27 verbinden das Areal direkt mit dem Hauptbahnhof. Mit dem Rad führen die Radstreifen an der Donaulände und der Gruberstraße hin, Radabstellplätze gibt es reichlich. Mit dem Auto sind es fünf Minuten zum Anschluss an die A7 über die Hafenstraße, die Tiefgarage Parkbad liegt rund 100 Meter entfernt. Auf dem Gelände selbst hilft ein digitales Orientierungssystem: Die Bauteile sind durchnummeriert und zusätzlich benannt, was bei der ersten Suche nach einem bestimmten Haus den Unterschied macht.

Sinnvoll ist die Kombination mit einem Spaziergang durch das Franckviertel und den Donaupark. Wie sich das Areal in die Stadtgeschichte einordnet, steht im Überblick zur Linzer Geschichte; welche Rolle die Kreativszene für den UNESCO-Titel der Stadt spielt, im Beitrag zur City of Media Arts.

Warum sich der Besuch lohnt

Die Tabakfabrik ist der seltene Fall eines Industriedenkmals, das weder Museum noch Ruine geworden ist. Sie können hier an einem Nachmittag drei Schichten übereinander sehen: einen Bau der klassischen Moderne, der als Maschine für einen einzigen Produktionsprozess entworfen wurde; eine Nachnutzung, die diesen Bau nicht kaschiert, sondern seine Struktur weiterverwendet; und daneben ein neues Hochhausviertel, das gerade erst bezogen wird.

Wer sich für Architektur interessiert, sollte auf die Details achten, die Behrens entworfen hat - Geländer, Beschläge, Farbtöne, Schriftzüge. Sie sind der Grund, warum das Haus auch dann funktioniert, wenn man nichts über Neue Sachlichkeit weiß. Alle Angaben zu Preisen und Terminen: Stand August 2026.

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